„Warum hat ihr Hund denn Angst vor Fahrrädern? Das muss man doch wegtrainieren können.“ „Nein, Angst kann man nicht wegtrainieren, denn Angst ist eine Emotion und kein Verhalten. Ein gewünschtes Verhalten kann ich trainieren, eine Emotion nicht.“

Emma, mein Hund, kam mit vier Monaten zu uns. Da hatte sie schon Angst vor Fahrrädern und Fahrradfahrern. Operante Konditionierung und Management beim Vorbeifahren von Fahrrädern helfen Emma nur bedingt, um sie in dem Moment der Angst zu stärken. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass dieses Training den emotionalen Angstzustand von Emma „auflöst“. Ich kann ihr Verhalten ändern, indem ich ihr ein Bleib-Signal gebe, wenn sie freiläuft und ein Fahrradfahrer vorbeifährt, damit sie dem Fahrradfahrer nicht bellend hinterherrennt.
Wenn sie an der Leine ist, knie ich mich hin und tröste sie, während das Fahrrad vorbeifährt. Ich lenke Emma ab, sie weiß aber trotzdem, dass der beängstigende auslösende Reiz (Fahrradfahrer) immer noch da ist.
Tatsächlich hat Emma trotzdem Angst.

Warum ist das so?

Hunde empfinden Emotionen. Sie können positiv oder negativ sein und werden unterschiedlich stark ausgedrückt. Basale Emotionen wie Furcht, Angst oder Freude beim Menschen und Tier werden von den gleichen neutralen Schaltkreisen erzeugt und gesteuert, so die Wissenschaft. Emotionen sind stark, wir werden damit geboren. Einige grundlegenden Emotionen beim Menschen sind: Freude, Wut, Angst, Ekel, Traurigkeit, Eifersucht und Überraschung; sie sind sehr intensiv und bewegen uns dazu, Handlungen zu beginnen oder zu beenden.
Beim Hund geht man von vorhandenen Emotionen wie Furcht, Angst oder Freude aus.

Einen ängstlichen Hund zu trösten, wird die Angst NICHT verstärken.
Angst ist eine Emotion und kein Verhalten.
Verhalten kann verstärkt werden, eine Emotion nicht.

Um Verhaltensweisen, die durch negative Emotionen wie Angst verursacht werden, wirklich zu überwinden, müssen wir

a) die Umgebung des Hundes so verändern, dass er vorübergehend keinen ängstlichen Reizen ausgesetzt ist.

b) eine neue, positive Assoziation mit dem negativen Reiz aufbauen oder eine neue positivere Assoziation mit dem gefürchteten Objekt aufbauen oder eine Situation (konditionierter Reiz), die keine Angst mehr hervorruft.

Die Umgebung zu ändern ist die erste Möglichkeit, in unserem Fall, Orte zu meiden, an denen viele Fahrradfahrer unterwegs sind. Wir meiden tatsächlich Orte, wie Promenaden am Rhein oder Wanderwege, die auch von Fahrradfahrern gerne benutzt werden. Mit der Zeit weiß man, welche Wege geeignet sind, um mit seinem Hund entspannte Spaziergänge zu machen, der Angst vor Fahrrädern hat.
Die zweite Möglichkeit war, dass ich tatsächlich mit Emma, als sie ca. eineinhalb Jahre alt war, angefangen habe, Rad zu fahren. Das haben wir sehr kleinschrittig aufgebaut. Ich habe das Fahrrad geschoben und sie ist nebenhergelaufen. Dann habe ich mich auf das Fahrrad gesetzt und wir sind langsam gefahren. Bei der Strecke von ca. 1-2 KM, die wir zurückgelegt haben, ist sie die Hälfte ohne Leine gelaufen.
Emma hatte eine positive Verknüpfung zum Fahrradfahren mit mir aufgebaut, was jedoch nicht dazu geführt hatte, dass ihre negative Emotion Angst gegenüber anderen Fahrradfahrern durch diese Konditionierung gelöscht wurde.
Die zweite Option beinhaltet die Verwendung klassischer Konditionierung, um dem Hund zu helfen, positivere Assoziationen aufzubauen und die ängstliche Reaktion zu überwinden. Die Verwendung von Gegenkonditionierung und Desensibilisierung ist am besten geeignet, um die tatsächlichen Gefühle von Angst oder Unruhe zu reduzieren. Wenn der gefürchtete Reiz ständig mit besonders hochwertigen Verstärkern gepaart wird, die nur dann verabreicht werden, wenn dieser Reiz vorhanden ist, stellt der Hund schließlich fest, dass der Reiz eher etwas Gutes als etwas Schlechtes signalisiert.
Emma ist jetzt 10 Jahre alt und wir können ziemlich entspannt bleiben, wenn uns Fahrradfahrer begegnen, denn ich weiß, wie ich die Situation managen und Emma beistehen kann.

Bei Geräuschangst zu Sylvester und bei Gewitter ist es wichtig, seinen Hund lange vorher mit konditionierter Entspannung auf die Sylvesternacht vorzubereiten und ihm während der Knallerei tröstend zur Seite zu stehen.  Absolut grenzwertig ist es, seinen Hund bei Geräuschangst zu ignorieren, denn das würden wir mit unserem eigenen Kind, welches Angst vor Gewitter oder Sylvesterknallerei auch nicht tun.